Auslandsjahr im Rückblick: Wie mich Japan geprägt hat

Zurück in Japan gewesen zu sein und vor dem verfallenen, überwucherten Häuschen in Tokyo zu stehen, in dem ich während meiner Work and Travel Zeit fast ein Jahr lang in einem winzig kleinen Zimmer zubrachte, ist mir doch näher gegangen, als gedacht. Allerdings ist nun schon wieder einiges an Zeit seit meinem Auslandsjahr vergangen und mein Leben sieht inzwischen komplett anders aus als damals. Dementsprechend zeigt sich bereits, dass einige japanbedingte Veränderungen nur vorübergehend sind, z.B. viel leiser zu sprechen, in U-Bahnen schlafen zu können oder den Drang zu haben, beim Zuhören wiederholt ein „eeehh“ von mir zu geben, um zu signalisieren, dass ich auch aufmerksam zuhöre. Anderes jedoch prägt mich heute noch, allen voran die fünf folgenden Themen.

Sensoji, der bedeutendste Tempel in Tokyo

1. Heimatgefühle im Auslandsjahr

Mit 18 Jahren konnte ich mir nicht vorstellen zum Studium auch nur 100 km weit weg zu ziehen, dass ist mir damals bereits zu weit entfernt von Familie und Freunden gewesen. Bis ich mutig genug war, mit 26 zum ersten Mal für drei Monate allein nach Japan zu gehen, hat es also bereits einiges an Entwicklung gebraucht. Mit 27 bin ich dann fast für ein ganzes Jahr zurück nach Japan und wenn ich in der Zeit eines gelernt habe, dann das geliebte Menschen heutzutage nie wirklich weit weg sein müssen. Dank Skype, WhatsApp und Co. lassen sich die Lieben zu Hause trotzdem sehen und sich mit Freunden und Verwandten über die neuesten Ereignisse austauschen. Auf der anderen Seite schließt man neue Freundschaften und kennt sich in der anfänglich fremden Umgebung bald so gut aus wie zu Hause, hat seine feste Fahrtroute zur Arbeit, ein neues Lieblingscafé, kennt die günstigsten Einkaufsmöglichkeiten und die besten Bars der Gegend. Aus dem Fremden wird etwas Vertrautes und wächst einem womöglich, wie in meinem Fall, auch sehr ans Herz. Wieder einmal zurück in meinem Viertel in Tokyo zu sein, war daher wirklich schön. In gewisser Weise war es fast wie zurück in die Heimat zu kommen. Auch wenn Japan nie meine „alte“ Heimat Deutschland verdrängt hat und komplett zur neuen Heimat auf Dauer geworden ist, so fühlt es sich dennoch so an, als hätte ich nun zwei Heimaten – klingt komisch (vielleicht wegen des seltsamen Plurals, den ich heute wohl zum ersten Mal benutze), aber es ist tatsächlich möglich in der Fremde eine Heimat zu finden.

Straße in Tokyo
Straße in meiner Wohngegend in Tokyo

2. (K)ein Leben ohne ein Zuhause

Bei meinem ersten Japanaufenthalt bin ich viel im Land unterwegs gewesen. Ich war auf Reisen natürlich ungebunden und konnte einfach die schöne Zeit dort genießen. Wie herrlich es dabei war, sich weder um Wohnung noch Auto oder sonst etwas Gedanken zu machen! Als ich nach Japan zurückkehrte, stellte sich die Situation jedoch ganz anders dar. Ich wollte für längere Zeit in Tokyo bleiben und dort dementsprechend Wohnung und Arbeit finden. Beides hatte ich letztlich, wenn auch einen schlecht bezahlten Job, der mir nur ein Zimmer in einem alles andere als schönem Shared House ermöglichte. Zunächst war eine Bleibe zu haben, alles was zählte. Ich hatte ein Dach über dem Kopf und konnte mein Leben in der Stadt finanzieren. Da konnte ich über die mangelnde Privatsphäre (extrem dünne Wände zu allen angrenzenden Zimmern), Dreck (es war eine WG mit 8 Leuten aus 4 verschiedenen Nationen, muss ich noch mehr sagen?), eisige Raumtemperaturen im Winter (wenn man den Stromzähler nicht zum Glühen bringen wollte), wenig Platz (mehr als das Bett passte kaum in den Raum) und anderes hinwegsehen.

Mein Zimmer in Tokyo
Das doch recht überschaubare Zimmer in Tokyo

Mit jedem Monat der verging, wurde meine Sehnsucht nach einer netten kleinen Wohnung ganz für mich allein, die ich mir höchstens mit einem tollen Mann an meiner Seite teilen würde, jedoch immer größer. Ich malte mir aus, wie es wohl wäre endlich wieder Fenster mit etwas Ausblick zu haben, bei denen ich die Vorhänge auch mal offen lassen könnte, ohne Angst, dass der sehr seltsame japanische Mitbewohner womöglich draußen spannend vor meinem Fenster steht. Oder ich träumte von einem ausgiebigen Möbelkauf und führte im Kopf dazu bereits eine Liste von Pflanzen, die ich mir unbedingt in die Wohnung stellen würde. Ja, ich vermisste ein Zuhause, einen gemütlichen Ankerpunkt im Leben, an den ich mich jederzeit zurückziehen und vor allem wirklich wohlfühlen konnte. So sehr es zuvor schön gewesen sein mag, frei und ungebunden durch die Gegend zu reisen, so wichtig ist mir nach der Zeit in Tokyo eine schöne Wohnung. Es muss nichts wirklich Großes und Außergewöhnliches sein, aber eben ein Wohlfühlort, mein Zuhause.

3. Vor der Mauer einer fremden Kultur

Mein Professor für Japanologie aus meiner Zeit in Erlangen sagte einmal, dass er Leuten empfehlen würde, für mindestens ein Jahr ins Ausland zu gehen, um den Kulturschock so wirklich mitzunehmen. Damals war ich noch etwas verwundert, da ich dachte, ein Kulturschock ist das, was einen gleich nach der Ankunft in einem fremden Land ereilt. Inzwischen stimme ich ihm da sehr zu, auf jeden Fall wenn es um Japan geht. Mein erster Aufenthalt im Land der aufgehenden Sonne dauerte, wie gesagt, nur drei Monate und die ersten beiden Wochen waren nicht einfach für mich – fremdes Essen, andere Gegebenheiten, fremde Sprache usw. Als ich für meinen zweiten Aufenthalt nach Japan zurückkehrte, kannte ich das alles schon und der Anfang in Tokyo war daher ganz okay. Ja, alles ging so weit ganz gut vor sich, bis er plötzlich da war, der äußerst schmerzhafte Aufprall auf die unsichtbare Mauer, die zwischen einem und einer vollkommen andersartigen Kultur steht. Leider ließ der Schmerz nicht einfach nach zwei Wochen nach, nein, es kam immer wieder zu Zusammenstößen, gerade da, wo ich es womöglich gar nicht erwartet hätte.

Unterrichtsmaterialien zum Japanisch lernen

Jeden Tag bemühte ich mich dazuzulernen, mich immer besser zu integrieren. Allerdings konnte ich letztlich nicht alles gutheißen, was ich über die japanische Gesellschaft gelernt hatte. Nach einer Weile musste ich feststellen, dass es für mich doch eine Grenze meiner Integrationswilligkeit gab. So wusste ich, dass ich wohl kaum in einem richtigen japanischen Unternehmen arbeiten könnte. Denn zu jedem älteren Kollegen oder höherrangigen Leuten beständig Ja und Amen zu sagen, führte bei mir dann doch eher zur Reaktion „Nein, danke.“ Noch längere Stunden auf Arbeit zu bleiben, einfach nur um anwesend zu sein, auch wenn keinerlei Leistung mehr erbracht wird – „Nein, danke“.  Und mir einreden zu lassen, dass ich als Frau mit Ende 20 langsam zusehen muss, wo ich bleibe, da sonst bald mein „Verfallsdatum“ abläuft und ich mit 30 ja definitiv keinen Mann mehr zum Heiraten und Familie gründen finde, sowieso erst recht nicht!

Vielleicht ist das aber letztlich ganz normal, denn so viel sich auch über eine andere Kultur dazulernen und sich dann dahingehend anpassen lässt, ab einem gewissen Punkt müsste man sich womöglich so verbiegen, dass es für einen selbst nicht mehr gesund ist oder Dinge aufgeben, die einem einfach zu wichtig sind. Ich bin noch höflicher geworden, habe gelernt mit leiserer Stimme zu sprechen und konnte ein „Nein“ in viel schönere Worte packen. Allerdings habe ich deswegen nicht verlernt „Nein“ zu sagen, auch nicht gegenüber älteren oder beruflich erfahreneren Mitmenschen. Andererseits weiß ich seitdem sehr gut, wie anstrengend, frustrierend, verwirrend und schwierig es sein kann, in einer ganz andersartigen Kultur zu leben, die Mauer zu überwinden, die einen trennt, wenn sie auch nur im Kopf in erlernten Mustern, Vorstellungen und Werten existiert. Respekt für all jene, die in eine fremde Kultur auswandern und es tatsächlich schaffen, dort voll und ganz anzukommen!

4. Zerbrochene Träume landen nicht immer auf einem weichen Kissen

Es ist nicht gerade ein leichter Schritt in die Fremde zu gehen, aber nach Hause zurückzukehren ist nicht unbedingt leichter, vor allem, wenn es bedeutet, dass Träume in der Wahlheimat nicht in Erfüllung gegangen sind. Ich hatte leider nicht so gut Japanisch gelernt, wie erhofft, keine Arbeit gefunden, die ich noch hätte länger machen können (finanziell) oder wollen (Arbeitszeiten) und privat war ebenfalls nichts so gelaufen, wie eigentlich gewünscht. Im Nachhinein kann ich dazu sagen, dass alles seinen Sinn hatte, sonst wäre ich ja heute nicht dort wo ich bin, und da bin ich liebend gern, aber damals, ohne zu wissen, was noch vor mir liegen würde, fühlte es sich eher nach Versagen an.

Eine sehr gute Freundin von mir war damals in einer ähnlichen Situation. Sie fand keinen Job, der ihr in Japan ein Arbeitsvisum eingebracht hätte und ohne hieß es auch für sie nach zwei Jahren als Studentin in Tokyo zurück nach Hause zu gehen. Während sie allerdings zurück in ein Land mit wirtschaftlich eher schlechter Lage und noch schlechteren Sozialsystemen kehrte, wusste ich, dass mich Hartz IV und, da ich sowieso lieber in eine größere deutsche Stadt ziehen wollte, sicherlich auch bald wieder ein gut bezahlter Job mit vernünftigen Arbeitszeiten erwarten würde.

Es war nicht das einzige Mal, dass ich sehen konnte, wie gut es mir als Deutsche doch geht. So oft haben mich Leute in Japan gefragt, ob ich mit meiner Arbeit auch meine Familie zu Hause unterstütze. Für die Fragenden aus Thailand, Pakistan oder den Philippinen sicherlich Normalität. Ich dagegen musste mich finanziell nur um mich selbst kümmern. Selbst in Zeiten, in denen mal jemand aus der Familie arbeitslos war, gab es ja Unterstützung vom Staat und meine Eltern, die inzwischen nicht mehr arbeiten, beziehen Rente – also alle abgesichert, auch ohne mich. Die Hostess aus Thailand, die ihrer Familie zu Hause jeden Monat Geld sendet, hätte sich ihr Leben sicherlich auch anders vorgestellt, aber wer fängt sie auf, wenn ihre Träume von einem besseren Leben in einem fremden Land zerplatzen?

Geld und Besitztümer

Für mich mögen einige Wünsche damals in Japan nicht in Erfüllung gegangen sein, aber als Deutsche hatte ich ein Netz und doppelten Boden zur Verfügung, ein Luxus, den viele andere eben nicht haben. Auch wenn ich natürlich bereits vorher wusste, dass es da in vielen Ländern wesentlich schlechter aussieht mit den sozialen Absicherungen, falls es überhaupt welche gibt, so ist es mir doch erst so wirklich in Japan schmerzlich bewusst geworden, was das für den einzelnen Menschen bedeutet. Ich weiß es seitdem auf jeden Fall viel mehr zu schätzen, welch großes Glück es ist, eine Staatsbürgerschaft aus einem Land zu besitzen, dass einem solche Sicherheiten bietet. Selbst wenn man einmal strauchelt im Leben oder gar hinfällt, man landet eben doch auf einem weichen Kissen.

5. Der Schein trügt

Wer für einen längeren Auslandsaufenthalt in ein fremdes Land geht, hat sich höchstwahrscheinlich schon vorab ein wenig mit dem Land und seiner Kultur etc. beschäftigt. Da mich Japan bereits seit Langem interessierte, hatte ich schon viel von der dortigen Kultur, Geschichte und Sprache gehört. Unweigerlich entsteht ein Bild im Kopf von dem, was einen wohl erwarten wird. Während das Bild an der ein oder anderen Stelle wirklich nützlich ist, könnte es auf der anderen Seite falscher nicht sein oder bleibt eben nur oberflächlich, ohne das Land und seine Menschen tatsächlich zu sehen.

Gerade von Tokyo gibt es immer wieder Berichte über die verrücktesten Dinge und seltsamsten Vorlieben, wie z.B. von Herren, die getragene Damenunterwäsche erstehen oder Damen, die ihr gesamtes Geld allabendlich in die Gesellschaft eines Hosts stecken, der womöglich einfach nur mit ihnen zusammensitzt, sie unterhält und ihnen Champagner einschenkt. Im nächsten Artikel steht etwas über die immer noch sehr patriarchalische Gesellschaft, bei der Frauen nur mit äußerster Mühe Aufstiegschancen haben oder etwas über Männer, die sich aus einem uns sehr fremden Ehrbegriff heraus das Leben nehmen. Was ich dagegen erst vor Ort so wirklich sehen konnte, ist, wie unglaublich viele enorm einsame Menschen in Tokyo leben. Vielleicht ist es da auch nicht verwunderlich, wenn es Männer gibt, die sich in eine Anime-Figur verlieben oder Frauen, die sich die Aufmerksamkeit eines Mannes wenigstens für einen Abend erkaufen wollen. Und wenn es überall heißt, die Frauen haben es so schwer in der Arbeitswelt, müssen es die Männer in dieser Gesellschaft doch super haben oder? Nun, als Frau in Japan Karriere zu machen oder auch nur nach einem Kind wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, ist immer noch äußerst schwierig. Andererseits war bei so einigen der Herren gut zu sehen, wie schwer sie es zu Hause, eben in der Sphäre der Frau hatten. Die Ehefrauen verwalteten womöglich immer noch das Geld und gaben ihren Männern nur ein kleines Taschengeld oder strichen zumindest enorme monatliche Summen nur für ihr Privatvergnügen ein. Nach der Geburt des ersten Kindes war dann häufig auch keine Zuneigung mehr für den Ehegatten da. Die Frau kümmerte sich stattedessen nur noch um das Kind und der Mann brauchte vor abends um 22 Uhr gar nicht nach Hause kommen, außer am Sonntag, da erhielt er gnädigerweise auch mal etwas Zeit mit dem Kind. Für mich klang das nicht wirklich nach einer Gesellschaft in der nur Männer das Sagen und es nur Frauen schwer haben… Wie ist es in Japan nun also wirklich? Ist es eine patriarchalische Gesellschaft oder doch nicht? Sind die Japaner verrückt oder normaler als die meisten Deutschen? Ich fürchte, diese Fragen kann ich nach wie vor nicht beantworten, denn wie überall, gibt es solche und solche Leute und sieht die Realität wesentlich vielschichtiger aus, als es eine kurze Dokumentation, ein Blog Post oder ein Zeitungsartikel wiedergeben könnten. Das gilt natürlich nicht nur für Japan und so versuche ich mich nicht mehr so schnell vom äußeren Schein täuschen zu lassen, sondern hinter die Fassade zu schauen. Das gelingt natürlich keinesfalls immer, aber hey, Übung macht den Meister.

Reflexion des Tokyo Skytree im Wasser
Reflexion des Tokyo Skytree

Auslandserfahrungen sind sicherlich so unterschiedlich, wie die Menschen selbst und oft dauert es eine ganze Weile, bis einem wirklich bewusst wird, wie prägend der Auslandsaufenthalt tatsächlich war. Ich finde es daher auch immer wieder spannend von anderen Leuten zu hören, wie ihre Erfahrungen mit dem Leben fern der Heimat aussehen. Also lasst mir doch gern einen Kommentar da, was ihr erlebt habt und was euch auch heute noch aus dieser Zeit beschäftigt.

Bye bye und bis bald!

Ina

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