Die hängenden Tempel des Mount Cangyan

Seitdem ich vor fast zwei Jahren im Internet über Fotos der hängenden Tempel des Mount Cangyan (chin. Cangyanshan) gestolpert bin, wollte ich mir die Sehenswürdigkeit unbedingt einmal aus der Nähe betrachten. Letztlich brauchte es mehrere Anläufe und anderthalb Jahre, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dass es allerdings für uns so ein extrem schwieriges Unterfangen werden würde, zum Berg zu gelangen und die faszinierende Landschaft mit der Tempelanlage zu besichtigen, hätte ich dennoch nicht vermutet. Obendrein gab es selbst für mich noch einige ganz neue und teilweise erschütternde Eindrücke von China.

Anfahrt und Tipps

Für alle, die ebenfalls auf die abwegige Idee kommen auf eigene Faust China fernab der üblichen Touristenströme zu erkunden, hier ein paar Infos:

  • Lage: Ca. 80 km südwestlich von der Stadt Shijiazhuang/Hebei Provinz
  • Anfahrt nach Shijiazhuang: Von Peking aus per Zug (ca. 1,5 Stunden)
  • Anfahrt zum Mount Cangyan von Shijiazhuang: Es gibt evtl. einen Bus, aber gerade in der Nebensaison ist das Taxi zu empfehlen (Hin- und Rückfahrt für 400 RMB aus dem Westen der Stadt; Stand Januar 2017)
  • Eintritt: 100 RMB (Stand Januar 2017)
  • Ausflugsdauer: Theoretisch als Tagesausflug von Peking aus zu schaffen, aber da Staus etc. die Fahrt zum Berg um Stunden verzögern können, ist eine Übernachtung, z.B. in Shijiazhuang, zu empfehlen
  • Wann: In der wärmeren Jahreszeit ist es sicherlich angenehmer die Wege im Freien zu erkunden, im Winter ist man dafür ungestörter

Tempel und Landschaft des Mount Cangyan

 

Der beschwerliche Weg zum Cangyanshan 

Bus oder Taxi?

Auch meine Freundin und ich sind von Peking aus am frühen Morgen mit dem Zug nach Shijiazhuang angereist. Als erstes ging es für uns kurz ins Hotel, um alle unnötigen Sachen für den Ausflug zu den Tempeln abzuladen. Außerdem mussten wir uns erst noch nach dem genauen Weg erkundigen. Im Hotel schrieben sie uns zwei Buslinien auf und meinten dazu, dass wir an der letzten genannten Haltestelle die Leute nach dem weiteren Weg fragen sollten. Wir machten uns auf den Weg und fanden die Bushaltestelle, Umstiegsstation und Endhaltestelle ohne Probleme. An der letzten Haltestelle ausgestiegen, standen wir allerdings nur am Stadtrand an einer staubigen Straße immer noch gute 60 km weit entfernt von unserem Ziel. Also fragten wir Leute um uns herum nach dem weiteren Weg. Die erste Gefragte ignorierte uns einfach. Die nächsten Befragten empfohlen uns zunächst Buslinie 12, nur um letztlich zu meinen, dass die doch nicht fährt und schickten uns stattdessen zur gegenüberliegenden Straßenseite, um die Leute an der Tankstelle zu fragen. Die sagten uns aber auch nur, dass es an dem Tag angeblich nicht mehr möglich sei, dorthin zu gelangen und meinten nur immer wieder „hei“, was schwarz bedeutet, zu uns. Waren die Tempel etwa geschlossen? Wir würden ja bereits am nächsten Tag abreisen, daher gab es für uns nur diese eine Chance. Die wollten wir nicht verpassen und fragten schließlich doch einen Taxifahrer, ob er uns zum Cangyanshan bringen kann. Siehe da, der Taxifahrer versicherte uns nicht nur, dass die Tempelanlage geöffnet wäre, sondern bot uns auch einen vernünftigen Preis für Hin- und Rückfahrt.

Unterwegs durch die Endzeitstimmung

Nur ein paar Meter gefahren, bog unser Taxi in Richtung einer Schnellstraße ab und wir fanden uns plötzlich in einer chinesischen Realität wieder, die selbst ich bis dahin noch nicht gekannt hatte. Auf der Straße stand ein LKW am anderen, wir sahen soweit das Auge reichte zunächst nicht einen einzigen PKW dazwischen. Die LKWs waren fast gänzlich bedeckt mit schwarzem Staub, was ihnen ein bedrohliches Aussehen verlieh. Es ging also erst einmal nur sehr langsam voran, meist dann, wenn genügend Platz blieb, so dass sich unser Taxifahrer auf dem Standstreifen mit einem Rad auf dem Bordstein an den Lastern vorbei zwängen konnte. Nach einer gefühlten Ewigkeit bogen wir endlich ab und fuhren mit etwas mehr Tempo durch kleinere Ortschaften. Auch hier war alles schwarz. Die Gebäude und Wege, alles war überzogen mit einer schwarzen, an Kohle erinnernden Schicht. Die Häuser waren allesamt schon älteren Baujahres, auf den Straßen türmte sich Müll und der verhangene Himmel trug noch gänzlich zu einer Stimmung bei, die an postapokalyptische Szenen erinnerte. Bis dahin dachte ich immer Peking wäre dreckig und versmogt, aber das war nichts gegen die Ortschaften, durch die wir auf unserer Reise kamen.

Mit schwarzem Dreck bedeckte Häuser und Straßen

Das Ziel in Sicht?

Immerhin ging es inzwischen etwas voran, d.h. bis zum nächsten Stau. Unsere Hoffnung schwand, den Berg und die Tempel noch zu Gesicht zu bekommen, als es immer später am Nachmittag wurde. Der Taxifahrer hielt aber unerschrocken weiter Kurs und quetschte sein Fahrzeug durch jede Lücke, die sich bot. Schließlich lichtete sich der Verkehr und nach und nach hatten wir die Straße fast ganz für uns allein. Die Ortschaften wurden kleiner, die Berge höher und die Straßen unebener. Mein Handy verriet mir, dass es nicht mehr allzu weit sein konnte und die Spannung stieg. Noch einmal ging es um eine Kurve im Tal und dann sahen wir auch schon erste Hinweise auf einen Tempel. Wir hatten es nach über vier Stunden nach unserem Aufbruch vom Hotel tatsächlich geschafft!

Die Tempel am MOunt Cangyan

Am Berg angekommen, war klar, dass uns nicht mehr allzu viel Zeit blieb, bevor die Nacht hereinbrach. Schnell kauften wir also unsere Eintrittskarten und stürmten auch schon die vielen Treppenstufen zu den Tempelgebäuden empor. Hier und da knipsten wir fix ein paar Fotos und hielten nur inne, um die wirklich beeindruckende Landschaft auf uns wirken zu lassen.

Brücke hoch oben zwischen den rötlichen Bergen des Cangyanshan

 

Auf dem Gelände des Mount Cangyan gibt es einen Rundweg und einige Abzweige, wobei wir letztlich nicht alles geschafft haben. Das war schon etwas schade, aber dafür hatten wir die Berge fast für uns allein, was zur abgeschiedenen Stimmung des Ortes beitrug. So konnten wir uns gut vorstellen, wie es wohl für die Menschen früher war, hier zu leben fernab vom Rest der Menschheit. Die Aussicht war dabei immer wieder großartig und unser Fazit damit ganz und gar eindeutig: Der lange und beschwerliche Weg hatte sich eindeutig gelohnt!

Tempel hoch oben am Berg in der Abendsonne

Landschaft mit rötlichen Bergen um den Cangyanshan

Wer hatte wohl den besseren Tag?

Kaum kamen wir von unserem Bergrundgang am Mount Cangyan zurück, wartete bereits unser Taxifahrer auf uns. Wild gestikulierend bedeutete er uns, ihm noch kurz zu folgen. Schnell wurde klar, dass der Herr gern noch ein Foto mit uns vor der Sehenswürdigkeit haben wollte. Wir taten ihm den Gefallen, worüber er sich sichtlich freute und schon wurde unser Bild per Handynachricht an all seine Freunde verschickt. Die nur ein paar Sekunden später bereits fleißig kommentierten.

Hach ja, das war eine anstrengende Tour und ich war wirklich heilfroh, als wir es endlich zurück zum Hotel geschafft hatten. Allerdings war das ja gerade mal der erste Tag unserer einwöchigen Chinareise. Was es in Luoyang und Harbin noch zu erleben gab, dazu das nächste Mal mehr.

Bis dahin!

Ina

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