Ist eine gescheiterte Beziehung Zeitverschwendung?

Es war einer dieser Abende in der kleinen Bar im sonst so geschäftigen Tokyo, in der ich für einige Monate arbeitete, an dem wir vergeblich auf Gäste warteten. Die Zeit hatten wir bereits genutzt, um in den Regalen mit den Whisky- und Wodkaflaschen Staub zu wischen. Auch die vielen Spiegel, die den Raum etwas größer erscheinen lassen sollten, waren bald strahlend sauber geputzt. Danach hieß es nur noch warten – vielleicht würde sich ja doch noch Kundschaft von den Restaurants oder Hostess-Clubs in der Nähe zu uns verirren.

Japan - Blätter in der Dämmerung

Da es sonst nichts zu tun gab, kamen mein Chef und ich etwas ins Gespräch. Er: Ein Anfang 40-jähriger nigerianischstämmiger Österreicher, mit dem inzwischen 3. Kind aus ich weiß nicht wievielter Beziehung. Ich: 26, Single und noch keinen Plan, wo es im Leben hingehen sollte. Wir sprachen über Gott und die Welt und irgendwo dazwischen auch über das Thema Beziehung. Bevor ich zum ersten Mal nach Japan kam, hatte ich noch einen Freund in Deutschland. Fast 10 Jahre lang führten wir eine On-Off-Beziehung, bei der wir eigentlich hätten schon viel zeitiger erkennen können, dass das nirgendwohin führte. Einfach, weil wir viel zu unterschiedliche Vorstellungen von viel zu Vielem im Leben hatten.

„Zeitverschwendung“, meinte mein Chef damals dazu. Mal abgesehen davon, dass er nicht gerade zu den Leuten gehörte, von denen ich mir Beziehungstipps hätte geben lassen, hat mich die Einstellung doch zum Nachdenken gebracht. Ja, irgendwie könnte man es vielleicht schon als Zeitverschwendung bezeichnen und ich hätte vielleicht in Richtung Mann, Haus, Kind schon viel weiter sein können. Aber andererseits, wie wäre denn mein Leben abgelaufen, wäre diese Beziehung schon viel zeitiger endgültig vorbei gewesen? Hätte ich in Deutschland womöglich mit Anfang 20 jemand anderes kennengelernt? Wäre das wirklich besser gewesen? Wer sagt mir denn, dass die 2. Beziehung glücklicher verlaufen wäre? Hätte ich mit Mitte/Ende 20 außerdem überhaupt schon an Hausbau und Kinder denken wollen? Und wäre ich dann jemals nach Japan gegangen?

Schon damals war ich überzeugt: Es war keine Zeitverschwendung! War überzeugt, dass es durchaus seinen Sinn hatte, auch wenn ich den zu dem Zeitpunkt noch nicht erkennen konnte. Es lief nicht immer alles gut, ich habe genug gezweifelt, geweint und manchmal auch nicht wirklich weitergewusst, aber das alles hat mich trotzdem immer weitergebracht – Stück für Stück letztlich hierhin, wo ich jetzt bin. Und das hat nun einmal so lange gedauert, wie es dauerte. Hätte ich sonst auf dem 10-jährigen Absolvententreffen unseres Abiturjahrgangs Tom wiedergetroffen? Wären wir ohne all das überhaupt jemals ein Paar geworden? Womöglich nicht. Dann wüsste ich zwar auch nicht, was ich verpasse, aber aus jetziger Sicht kann ich sagen, dass ich wirklich dankbar bin, dass die Dinge eben so und nicht anders gelaufen sind.

Sonnenuntergang

Jede Erfahrung war ein Schritt, auf dem ich dazulernen konnte. Schritte, ohne die ich wohl nie den Mut gehabt hätte, allein in ein fernes Land zu gehen. Schritte, ohne die ich viele wunderbare Erlebnisse nie gemacht hätte. Denn eines bleibt dabei schnell unbeachtet, wenn man über vergangene Beziehungen nachdenkt: Ich habe ja in all den Jahren auch viele schöne Erfahrungen gesammelt und Erfolge, wie mein Abitur und den Abschluss meines Studiums gefeiert. Ich habe wundervolle Menschen kennengelernt und beeindruckende Orte gesehen. In jedem Moment steckte Leben und das ist nie eine Verschwendung – egal, wer was dazu meint.

Wie geht es euch mit vergangenen Beziehungen? Hattet ihr schon einmal das Gefühl ihr habt eure Zeit verschwendet bzw. ihr könntet im Leben schon weiter sein? Lasst mir doch gern eure Gedanken zu dem Thema da!

Bye bye und bis bald

Ina

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