Montags-Update KW 10: Vom Unverständnis ins Ausland zu gehen

Ins Ausland zu gehen, ist nicht unbedingt eine leichte Entscheidung. Schwierig ist es oft auch für die Eltern, wenn sich das Kind so weit von zu Hause entfernen will. Wir hatten das Glück auf volle Unterstützung zu treffen, auch wenn die große Entfernung sicherlich nicht immer einfach zu ertragen war. Interessanterweise stießen meine Eltern dafür in ihrem Umfeld teilweise auf Unverständnis, warum sie mich einfach ziehen ließen.

Ich würde ihr etwas erzählen!

Im Gespräch mit meinen Eltern erinnerten wir uns vor kurzem einmal wieder daran, wie es war, als ich vor einigen Jahren das erste Mal für längere Zeit ins Ausland bin. Damals ging es nach Japan, einem bis auf Naturkatastrophen, die auch andernorts passieren können, sehr sicherem Land mit hohen Hygienestandards, in dem es also für eine alleinlebende Frau weder Krankheiten noch Überfälle zu befürchten gibt. Für meine Eltern war es keine ganz so neue Erfahrung. Ich war nicht ihr erstes Kind, das für einige Zeit ins Ausland ging. Dabei ist mein Bruder sogar lange vor den Zeiten von Skype und WhatsApp unterwegs gewesen, so dass der Kontakt auf die Ferne weit schwieriger war als heute. Trotzdem hatten sie das alles gut überstanden. Als meine Eltern jedoch über meinen Auslandsaufenthalt mit anderen Leuten sprachen, kam ihnen überraschenderweise hier und da gänzliches Unverständnis entgehen – nicht mir, sondern meinen Eltern. Wie sie mich das machen lassen könnten. Warum sie mir so einen Blödsinn nicht ausreden würden. „Ich würde meiner Tochter was erzählen“, hieß es da mit Empörung in der Stimme.

Dein Weg muss auch meiner sein?

Warum fällt es manchen Menschen so schwer andere ihren eigenen Weg gehen zu lassen? Weil sie glauben, dass nur ihr Weg der richtige ist? Oder weil sie sich selbst nicht trauten ihren Weg zu gehen und nun dürfen es andere auch nicht? Es will mir nicht so recht in Kopf. Vielleicht ist es letztlich nur die Angst um den geliebten Menschen, der so manchen dazu verleitet, die Person immer in der eigenen Nähe haben zu wollen. Also würden sie den anderen wohl lieber in einen goldenen Käfig stecken, als frei durch die Welt fliegen zu lassen, auch wenn das die geliebte Person noch so unglücklich macht.

„Keine noch so große Angst, verändert die Zukunft“

Ja, egal wie groß die Angst jedoch ist und wie sehr wir uns bemühen, alles Schlimme abzuwenden, das heißt dennoch nicht, dass es nicht passieren kann. Schon allein die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland sollte demnach eigentlich alle besorgten Eltern dazu bringen, ihr Kind nie auf die Straße zu lassen, selbst dann nicht, wenn das Kind schon 40 ist. Es könnte ja etwas passieren… Alles, was wir im Leben haben ist dieser Moment, der jetzt gerade. Wollen wir den wirklich mit Angst vor Eventualitäten verschwenden? Oder Wut darüber, weil jemand einen anderen Lebensweg wählt als man selbst?

Wie kannst du nur!

Eine meiner besten Freundinnen in Japan hatte genau ein solches Problem. Ihre Eltern waren ganz und gar gegen ihren Aufenthalt im Land der aufgehenden Sonne. Immer wieder durfte sie sich anhören, was für ein Versager sie doch wäre, weil sie allein in Japan lebte, während andere in ihrem Alter zu Hause längst verheiratet waren und Kinder hatten. Und dann arbeitete sie auch noch als Kellnerin – nachts, denn tagsüber studierte sie an einer japanischen Universität. Das hatte sie über anderthalb Jahre bis zu ihrem Abschluss gemacht, was wenig Schlaf, kaum Freizeit, aber dafür umso mehr Arbeit bedeutete. In meinen Augen war sie unglaublich fleißig und dazu eine wirklich intelligente, wunderbare junge Frau. Dank ihrer Eltern fühlte sie sich an manchen Tagen jedoch, als hätte sie alles im Leben falsch gemacht. Sollten Eltern die Kinder nicht ermutigen, sie fördern? Stattdessen schaffen sie es sogar, dass sich das eigene Kind als Versager fühlt und zwar in allen Lebensbereichen, nur weil es mit 25 eben noch keine über die Maßen erfolgreiche Karriere und Familie hat.

Wer dann auch noch mit dem Argument kommt: „Du lässt deine Eltern im Stich“, für den fehlt mir ehrlich jegliches Verständnis. Den eigenen Kindern Schuld einreden zu wollen und das zu einer Zeit, in der die Eltern noch nicht einmal pflegebedürftig, sondern putzmunter sind und selbst noch mitten im Berufsleben stehen, der schreckt scheinbar vor nichts zurück. Aber natürlich sind immer nur die anderen egoistisch…

Warum können wir so selten die positiven Seiten sehen?

Dabei kann es auch für die Eltern eine Chance auf noch ganz neue Erfahrungen im Leben sein. Durch meinen Auslandsaufenthalt konnten meine Eltern Japan einmal hautnah erleben und zwar ganz individuell, was sie allein sonst so nicht gemacht hätten. Auch Toms Mutter hatte so die Gelegenheit China kennenzulernen und die Eltern einer Freundin bekamen die Chance Simbabwe gänzlich ohne touristisches Tamtam zu erkunden. Für alle waren es ganz besondere Erfahrungen, die ihnen nicht begegnet wären, wenn sie ihren Kindern „etwas erzählt hätten“.

Geh Deinen Weg!

Natürlich ist es nicht immer leicht so weit voneinander getrennt zu sein. Das geht aber keinesfalls nur den Daheimgebliebenen so. Auch wir waren so manches Mal traurig, weil wir bei Geburtstagsfeiern oder anderen Anlässen nicht dabei sein konnten. Auch wir vermissen Familie und Freunde. Nur weil wir uns entschieden haben, Erfahrungen im Ausland zu sammeln, heißt es ja nicht, dass uns zu Hause alles egal ist. Ganz im Gegenteil! Und daran wird sich auch nichts ändern, egal wo und wie lange wir dort sind.

Meine Freundin in Japan vermisste ihre Familie auch. Nur hat sie gar nicht gern zu Hause angerufen, denn dann kamen sofort wieder Diskussionen auf und sie fühlte sich hinterher ganz mies – weil sie ihre Familie liebte und trotzdem lieber in Japan als in ihrem Heimatland lebte. Hätte sie also lieber daheimbleiben sollen? Ich denke nicht. Sie hätte sich nur Zeit ihres Lebens gefragt, was wäre, wenn… Den Drang die Welt zu entdecken kannst du versuchen zu begraben, ganz tief in dir, aber wie alle begrabenen Träume, würde er nicht verschwinden, sondern nur anfangen dich mit Reue zu füllen. Deswegen wünsche ich jedem es zu schaffen, seinen Weg zu gehen und dabei dennoch zu erkennen, dass der eigene Weg eben nicht für alle gleich gut ist. Wir sind verschieden und das ist auch gut so!

Bye bye und bis bald!

Ina

2 thoughts on “Montags-Update KW 10: Vom Unverständnis ins Ausland zu gehen

  1. Hallo Ina,
    ein wirklich toller und sehr ehrlicher Bericht über zwiespältige Gefühle. Ich kann das sehr gut nachempfinden – dieses sich für seinen Weg rechtfertigen müssen. Wieso? Jeder ist seines Glückes Schmied und jeder findet seinen Weg. Unsere Wege müssen nicht alle gleich aussehen!
    Liebe Grüße aus Hamburg!

    1. Hallo Imke,

      vielen lieben Dank! Leider kennen wohl nur allzu viele Menschen dieses Gefühl, sich immer wieder für ihre Lebensentscheidungen rechtfertigen zu müssen. Wieso das so ist, das frage ich mich auch immer wieder. Schließlich gibt es heutzutage so viele wunderbare Beispiele von alternativen Lebensentwürfen, die ebenso gut oder vielleicht für denjenigen sogar besser funktionieren. Also jedem das Seine 🙂

      Liebe Grüße nach Hamburg!

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