Update KW 20/21: Blick auf Deutschland nach 2 Jahren China

Routine braucht irgendwie nie lange, um nach einer Veränderung wieder einzukehren. Die Frage ist nur, bleibt danach alles beim Alten oder gibt es doch so einiges, was sich nun anders gestaltet? Nach unserer Rückkehr aus dem Ausland gab es tatsächlich einige Dinge, die sich mindestens verändert anfühlten, vor allem an Deutschland.

Pfingstrose in Nahaufnahme

Es liegt etwas in der Luft

Wir stiegen aus dem Flieger und schon lag uns ein Spruch auf den Lippen, den wir außerhalb Chinas in den letzten zwei Jahren häufiger benutzt hatten: „Riechst du das?“ Als die Frage einer von uns das erste Mal stellte, ich erinnere mich gar nicht mehr wer, da gab es zunächst verwunderte Blicke und eine irritierte Gegenfrage: „Was sollte ich denn riechen?“ Dabei war die Frage genau andersherum gemeint als normalerweise: „Na, nichts!“ Ja, wir standen da, atmeten tief durch und rochen weder Abgase, noch Knoblauch oder undefinierbare Gewürze in der Luft und ebenso wenig eine öffentliche Toilette in der Nähe. War das schön, eine Luft, die nach nichts weiter roch oder eben nach Dingen, die man gern schnuppert, wie Blütenduft oder eine frische Meeresbrise. Auch an Deutschland war das erste, was auffiel, die herrliche Luft. Und selbst einige Wochen später halte ich draußen oft noch einen Moment inne. Dann atme ich tief ein und genieße es, wenn der Wind den Duft der Frühlingsblumen mitträgt, es entlang eines Waldstückes plötzlich wunderbar nach Waldboden duftet, mir der Geruch von frisch gemähtem Rasen in die Nase steigt oder die Luft nach einem Regenschauer einfach herrlich riecht.

Überhaupt fällt mir nach der Zeit im enorm trockenen, staubigen Peking doch erst so richtig auf, wie herrlich grün Deutschland doch ist – und wie sauber noch dazu! Zugegeben am Anfang hat mir die viele Feuchtigkeit in Deutschland, vor allem in Zusammenhang mit viel zu kalten Temperaturen, ordentlich zu schaffen gemacht. Ich dachte schon, mir würde nie wieder warm werden – so schnell kann man wohl verweichlichen 😉 Dafür finde ich es ganz wunderbar, endlich wieder die Fenster öffnen oder die Wäsche draußen trocknen zu können.

Tischdeko mit Pfingstrosen, Kerzen und Schale

Fremd im eigenen Land?

Neben aller Freude und positiven Eindrücken stellte sich aber noch ein anderes Gefühl ein: Irgendwie fremd im eigenen Land zu sein. Natürlich erinnerte ich mich noch an Häuser und Straßen, an denen ich schon viele Male entlanggekommen bin. Andererseits auch wieder nicht so richtig. Plötzlich fiel mir auf, dass ich gar nicht mehr wusste, wie ich am besten von A nach B komme. Und wie funktionierte das noch mal, wenn ich mit Bus oder Bahn fahre? Wo finde ich einen Automaten meiner Bank? Und ach ja, für den Einkaufswagen im Supermarkt brauche ich ja jetzt wieder Kleingeld oder so einen Chip. Da kam ich mir in manchen Situationen schon etwas blöd vor, denn meine Aussprache des Deutschen in einwandfreiem Dialekt deutet ja nicht gerade auf eine ortsunkundige Person… Nun ja, es dauerte zum Glück nicht lange und schon hatte ich mir alles Notwendige wieder angeeignet. Nur daran, dass ich mir jetzt wieder einfach nur ein Hauptgericht im Restaurant bestelle, anstatt viele verschiedene Speisen auf dem Tisch stehen zu haben, von denen man dann gemeinsam isst, kann ich mich noch immer nicht so ganz gewöhnen.

Daneben gab es allerdings noch weitere Dinge, die uns auffielen. So hatten wir in der ersten Zeit das Gefühl, dass die Deutschen, sei es neben uns auf der Straße oder die Kellnerinnen im Restaurant, doch häufiger etwas schroff wirkten. Vielleicht ist das die deutsche Direktheit, von der man häufiger hört, dass sie für Ausländer gewöhnungsbedürftig sei. Die Chinesen sind ja auch nicht bekannt für den herzlichsten Service (jede Air China Mitarbeiterin, die es hinkriegt einen anzulächeln, hätte sich damit bereits einen Orden verdient), aber trotzdem wirkten die Leute hier zunächst gestresster und kürzer angebunden, als gewohnt.

Ja, auch Gejammer und Gemecker war nun wieder häufiger um einen herum zu hören als in den letzten zwei Jahren. Jemand, den ich schon einige Jahre nicht gesehen hatte, meinte z.B. in vollem Ernst und mit verächtlicher Stimme zu mir: „Es ist bestimmt überall besser als in Deutschland.“ Befremdliche Worte, wenn man vor lauter Smog schon einmal sein Flugzeug nicht mehr am Gate in Peking stehen sehen konnte, obwohl es nur ein paar Meter entfernt war. Oder man eine malaysische Freundin hat, die in ihrer Kindheit oft nur eine Portion Reis am Tag zu essen bekam und dabei mit ihren Eltern des Öfteren Müll sammeln ging, damit sie sich das überhaupt leisten konnten. Es fühlt sich seltsam an, wenn ich dabei an eine Szene denke, in der wir durch eine philippinische Stadt liefen und die staubigen Straßen, bunt zusammengeschusterten Wellblechhütten und die mit Tüchern vor dem Mund vermummten Männer auf einem halb verrosteten Truck uns an postapokalyptische Bilder aus dem Film Mad Max erinnerten. Natürlich haben auch wir in Deutschland noch Luft nach oben. Raum und Notwendigkeit für Verbesserungen gibt es schließlich immer. So lange die Dinge aber so sind, wie sie sind, lebt es sich mit hier und da etwas Dankbarkeit sicherlich glücklicher. Ich fürchte nur, zumindest mein Bekannter hat mir trotz einiger Beispiele dennoch nicht so recht glauben wollen, dass wir hier eigentlich auf einem ganz schönen Fleckchen Erde leben.

Kleine Schale aus Bali
Souvenir aus Bali

Alles verändert sich

Neben all den Dingen in meiner Umwelt konnte ich jedoch vor allem feststellen, dass ich selbst scheinbar auch nicht mehr ganz die Person bin, die damals ziemlich Hals über Kopf in das Abenteuer China gestartet ist. Zumindest hatte ich hier und da das Gefühl, dass meine Mitmenschen, vor allem jene, die mich jetzt erst kennenlernten, ein Stück weit anders reagieren als dies früher in ähnlichen Situationen der Fall war. Dass ich in Telefonaten oder Gesprächen mit potentiellen Arbeitgebern viel entspannter bin und stattdessen womöglich sogar mitbekomme, wie aufgeregt und eigentlich unerfahren mein Gegenüber teilweise in der Situation ist. Auch wenn ich bei Weitem noch nicht so selbstbewusst, gelassen etc. bin, wie ich es mir wünschen würde, so hat sich doch gefühlt schon etwas in eine erhoffte Richtung getan.

Deko mit Souvenir und Pfingstrosen

Eine Frage der Perspektive

Eine interessante Feststellung ist dabei allerdings auch, wie sehr die eigene Wahrnehmung doch von gemachten Erfahrungen und vorhandenen Vergleichsmöglichkeiten abhängt. Ohne die Zeit in Tokyo und Peking würden mir deutsche Städte wohl kaum klein erscheinen. Nach der Zeit in Japan kam es mir in Deutschland doch teilweise ziemlich laut vor, vor allem wenn sich neben mir Leute unterhielten oder telefonierten. Nach der Zeit in China finde ich es dagegen gerade wunderbar ruhig hier.

Wie ist es also nun wirklich? Wie sind wir Deutschen tatsächlich? Ich glaube inzwischen, dass es darauf überhaupt gar keine eindeutige Antwort geben kann, denn eigentlich müsste es immer heißen: „Im Vergleich zu…“ Es ist eben doch alles relativ. Damit ist es wohl vor allem ein gutes Beispiel dafür, lieber aufgeschlossen zu bleiben und nicht zu voreilig in den eigenen Urteilen zu sein. Denn wer weiß, morgen sieht die Welt womöglich ohnehin schon wieder ganz anders aus.

Bye bye und bis bald!

Ina

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