Verheiratet? Nein, ich bin ein Überrest

Ja, da war sie wieder, die mir inzwischen sehr vertraute Frage: „Bist du verheiratet?“ Sobald ich jemandem in Japan, China, Philippinen oder wo auch immer in Asien mein Alter (31) verrate, kann ich darauf warten, dass sich als nächstes nach dem Familienstand erkundigt wird. Du bist weiblich, hast die Mitte 20 schon hinter dir und bist noch unverheiratet? Dann geht es dir wie mir und das ist natürlich kein Grund sich schlecht zu fühlen, aber vielleicht ein guter Grund für eine kleine Notlüge?

Allein am Strand bei Sonnenaufgang

Japan: „Sieh zu, wo du bleibst“

Aus Deutschland war mir die ganze Thematik weniger bekannt. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass mich jemand jemals ganz konkret gefragt hätte, ob ich verheiratet bin und das am besten noch nach dem wir uns erst drei Sätze lang kannten. Bereits mit 26 Jahren kam mir die Frage in Japan allerdings häufiger unter. Selbst damals habe ich mich gern einmal mit einer Notlüge gerettet. Zumindest aufdringlichen Bargästen gegenüber war es sehr hilfreich, nachdem ich festgestellt hatte, dass ein: „Ich habe bereits einen Freund“, oft nicht als Hindernis betrachtet wurde. Zunächst war es dennoch eher witzig. So ist es mir z.B. auch einmal passiert, dass mir auf die aufrichtige Aussage, dass ich noch unverheiratet bin, von der netten Dame nebenan gleich ihr Sohn empfohlen wurde – inklusive Lebenslaufbeschreibung und Handyfotos von ihm beim Baseball spielen. Als ich mir allerdings nur ein Jahr später (damals gerade wieder Single) bereits anhören durfte, dass ich langsam zusehen sollte, wo ich bleibe, da Frauen mit 30 ja langsam ihr „Verfallsdatum“ erreichen, fühlte es sich nicht mehr spaßig an.

China: „Leftover Woman“

Je näher die magische 30 heranrückte, desto größer wurde dementsprechend das Kopf schütteln und umso mitleidiger die Blicke. Bei einer 30-jährigen unverheirateten Frau wird in China auch von Leftover Woman gesprochen. Das, was übrig bleibt, was eben niemand haben mag. Solche Sprüche zu hören, macht wütend, es frustriert. Meine beiden Anfang 30-jährigen Freundinnen aus Japan und China haben dementsprechend den Traum von einem Ehemann und einer eigenen Familie bereits an den Nagel gehängt. „Mir tun meine Eltern leid“, sagte mir einmal meine chinesische Freundin: „Alle ringsherum haben bereits ein Enkelkind, nur sie nicht. Meinen Eltern gegenüber habe ich wirklich versagt.“ In China haben es übrigens Männer nicht unbedingt besser. Auch da herrscht oft genug enormer Druck von den Eltern eine passende Ehefrau zu finden und das möglichst vor der 30. Wer da finanziell aber (noch) nichts bieten kann, hat oft das Nachsehen. Nun helfen Zorn und Frustration darüber nicht ganze Gesellschaften zu ändern. Selbst als Gast in einem solchen Land ist es schwer begreiflich zu machen, dass es in meinem Heimatland nicht ungewöhnlich ist, erst spät, wenn überhaupt zu heiraten. Und den Leuten dann noch beizubringen, dass sich auch unverheiratet oder gar als Single glücklich sein lässt, ist erst recht ein aussichtsloses Unterfangen. Aber warum sollte man überhaupt versuchen wildfremden Menschen seine Lebensentscheidungen bzw. Dinge zu erklären, für die man vielleicht selbst noch nicht einmal den Grund kennt?

Reicht es nicht wenigstens aus, vergeben zu sein?

Seit zwei Jahren habe ich einen Freund und könnte natürlich ehrlicherweise einfach sagen, dass ich vergeben bin. Allerdings muss „Freund“ im Deutschen und „Boyfriend“ in Asien nicht unbedingt das Gleiche bedeuten. In Deutschland, denke ich, ist für die meisten damit bereits klar, dass sich die besagte Person in einer festen Beziehung befindet. Dagegen kann es in Japan, China und anderen Ländern auch als Affäre oder lockeres Herumspielen verstanden werden. Hier im Land der Mitte wird allgemein sogar Dating, das nicht ausdrücklich dem Ziel folgt, einen potentielle/n Heiratskandidaten bzw. -kandidatin zu finden, als Spielerei verstanden. Natürlich gilt das keinesfalls für alle Leute. Es gibt genügend, die „Beziehung“ genauso verstehen, wie wir es auch meinen. Leider passiert es dennoch oft genug, dass einem wenig Verständnis entgegenkommt und schnell zu verstehen gegeben wird, dass eine Beziehung ohne Ehering letztlich nichts bedeutet. Sofort gibt es lästige Fragen danach, wann denn die Hochzeit ansteht und womöglich gar wie viele Kinder es mal werden sollen.

Sag doch einfach: „Ja“!

Lebensentwürfe gibt es allerdings viele und egal, ob nun gewollt oder ungewollt Single bzw. noch unverheiratet, niemand sollte einem einreden, das Leben wäre deswegen schlecht. Du bist ein wertvoller Mensch! Egal, in welche Schublade dich gerade jemand stecken kann oder auch nicht. Natürlich kann man nun lange Diskussionen über das ganze Thema führen und hoffen, dass sich so Verständnis schaffen lässt und sich Horizonte erweitern. Wenn du Zeit und Energie dazu hast, warum nicht? Viel Erfolg dabei! Vielleicht ist dir aber, wie mir,  im Urlaub nicht nach langwierigen Gesprächen oder das Thema ist derzeit nichts, über das du lange diskutieren magst. Warum dich dann nicht einfach selbst schützen? In dem Fall sag doch einfach: „Ja, ich bin verheiratet“. Freundliche Blicke, keine Erklärungen nötig, alles gut. Also warum nicht auf eine Notlüge zurückgreifen? Ich bin inzwischen richtig gut im Jasagen geworden und mein Freund wird im Ausland auch schnell einmal von mir als „my husband“ betitelt (keine Sorge, er weiß natürlich wovon ich rede). Sicherlich ist jede Situation etwas anders. Leute, die ich besser kennenlerne, die mir einfach sympathisch sind oder den Eindruck erwecken, sie könnten mich verstehen, bekommen dementsprechend eine ehrliche Antwort. Wenn ich aber vor einem Anfang 70-jährigen sitze, dessen gesamtes Leben sich fast ausschließlich in einem kleinen Dorf im Hinterland abspielte, dann gebe ich ihm auch gern die Antwort, von der er sich freut, sie zu hören: „Ja, ich bin verheiratet“ – „Ah, das ist gut mein Kind“. Alle sind glücklich.

Eure Meinung?

Was meint ihr, die Wahrheit sagen oder ist es zu vertreten, doch lieber auch mal zu flunkern? Habt ihr selbst schon Erfahrungen mit dem Thema gemacht? Es gibt ja nicht nur in Asien Länder, in denen man damit in Berührung kommt. Wie geht ihr dann mit solchen Situationen um? Ich freue mich von euch zu hören!

Bye bye und bis bald!

Ina

2 thoughts on “Verheiratet? Nein, ich bin ein Überrest

  1. Hallo Ina, hoffe die technischen Probleme sind behoben….. Ich schreibe Dir meinen Kommentar einfach nochmal! 🙂
    Also: Das mit der Frage verheiratet Ja / Nein und den mitleidigen Blicken nach der Antwort Nein kenne ich aus dem asiatischen Raum nur zu gut! Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich, sobald man verheiratet ist und die Frage mit Ja beantwortet, sofort die nächste Frage abschließt! Nämlich die wieviele Kinder man hat. Anfangs habe ich noch die Wahrheit gesagt, nämlich keine. Diese mitleidigen Blicke hättest Du Mal sehen sollen!!! Man könnte direkt sehen, dass sie dachten: Oh ja, die Arme hat als Frau auf ganzer Linie versagt! Und dann der bemitleidende Blick zu meinem Mann: Oh je der Arme hat eine „Defekte“ abbekommen, aber Respekt, dass er trotzdem noch bei ihr ist!!! Das hat mich dann irgendwann so genervt, dass ich nun auf die Kinderfrage antworte: Ja natürlich haben wir Kinder! Zwei Stück, unser ganzes Glück! Dann zeige ich Bilder von unseren Patenkindern und alle sind glücklich und entspannt! :-):-):-)
    Liebe Grüße, Sandra

    1. Hallo Sandra,
      vielen Dank für das Teilen deiner Erlebnisse zu dem Thema! Was du beschreibst, kann ich mir sehr gut vorstellen und die Kinderfrage möchte man ja nun gleich recht nicht mit allen möglichen, wildfremden Menschen diskutieren. Wirklich nicht so einfach, aber da ist es super, dass du gleich die Patenkinder vorzeigen kannst! 🙂

      Dir hoffentlich noch viele schöne Urlaube ohne nervige Fragen und Blicke! LG Ina 🙂

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